Tochterrolle „Mutters Lastenträgerin“

"Die Lastenträgerin"

"Ich muss Mutter stützen, weil sie mich braucht"

Mutter hatte es als Kind nicht leicht. Sie erwartet zunächst von ihrem Partner und dann von ihrer Tochter, dass sie ihr all das geben, was sie als Kind nicht bekommen hat. Die kleine Tochter entwickelt nun hochsensible Sensoren für die Bedürfnisse der Mutter (schon während der Schwangerschaft). Es geht ums Überleben, weil es von der Mutter abhängig ist. Schon im Bauch spürt es alle Emotionen der Mutter und empfindet diese als wohltuend oder eben als bedrohlich. Wie reagiert das Baby? Es „übernimmt“ die Emotion, weil es hofft, die Mutter zu entlasten und dadurch mehr von den guten Gefühlen zu bekommen. Dies tut es aus Liebe, aber auch zum Selbstschutz. Denn es möchte diese bedrohlichen Emotionen, die Alarm im Körper auslösen und damit schädliche Stresshormone freisetzen, vermeiden. Stattdessen strebt es nach Gefühlen, die ihm Geborgenheit vermitteln. Es wurde ja schon nachgewiesen, dass ein Baby sterben kann, wenn ihm die emotionale Zuwendung über einen längeren Zeitraum entzogen wird. Dieses „Ich übernehme das für dich, damit ich mehr Geborgenheit bekomme“ wird zur festen Überzeugung, die als Erwachsene weitergelebt wird. 

Das Kind hat also früh angefangen, Aufgaben von anderen zu übernehmen (von seinen Schutzbefohlenen), um sich selbst ureigene Bedürfnisse zu erfüllen: Sicherheit und Geborgenheit. Ein Kind ist selbst schutzbedürftig und hat alles Recht der Welt, sorglos aufzuwachsen – ohne dass daran Bedingungen geknüpft sind. Eine Mutter, die selbst zu wenig emotionale Zustimmung erfuhr, kann oft auch nicht voll und ganz für das Kind da sein. Stattdessen sucht sie nach Ausgleich – z.B. durch Arbeit oder eben beim eigenen Kind. 

In diesem vertauschten Rollenspiel spürt das Kind unbewusst, dass es überhaupt nicht als es selbst wahrgenommen wird. Es fühlt sich bedeutungslos, wertlos und verlässt seinen „Platz“, um einen neuen einzunehmen – einen, an dem es sich gebraucht fühlt und wichtig. Dies geschieht aus Liebe zur Mutter, aber auch wieder aus Überlebensinstinkt. diese fremde Rolle wird zur eigenen Identität, d.h. auch später als Erwachsene verhält es sich so: „Ich übernehme das für dich“

Natürlich kommt da die kleine Kinderseele durcheinander, es fühlt Verwirrung und Überforderung, denn die Aufgabe ist unlösbar. Deshalb verliert es auch ein Stück Selbstachtung („Ich habe versagt“) und entwickelt negative Emotionen gegen sich selbst. Das Kind, das glaubt, die Mutter stützen zu müssen, verliert auch ein wenig die Achtung vor der Mutter. Denn die ist ja „alleine nicht in der Lage“, im Leben zurecht zu kommen. Hier kann sich die Tochter fragen: „Ist das wahr?“

Als erwachsene Frau ist sie dann vielleicht oft im Streit mit der Mutter über unterschiedliche Ansichten, ist enttäuscht, wenn die die Hilfe nicht wertschätzt oder nicht will. Und ganz tief in ihr sind da Wut, Verzweiflung, Beschuldigung – alte Gefühle, die das Kind in sich eingeschlossen hat, weil sie nicht wichtig waren, nicht erwünscht oder nicht verstanden wurden. 

Eine erste Erleichterung gibt es, wenn die Tochter zurücktritt aus der vermeintlichen Verantwortung, der Mutter die Bedürfnisse erfüllen zu müssen. Sie mss der Mutter ihre Probleme zurückgeben und sich als Tochter fühlen dürfen (und nicht die Elternrolle übernehmen). Es gilt nun, Selbstbewusstsein aufzubauen, Vertrauen darin, dass man genau so, wie man ist, richtig und willkommen ist, ohne irgendwelche Bedingungen und ohne Schuldgefühle. 

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